… dass der Weg aber noch ein weiter ist! – Karate-Familien (2)

ElkeKarate ist ein Familiensport! In dieser Reihe interviewe ich Familien, die gemeinsam Karate machen. Nach dem ersten Interview mit Ansgar und Ole, wollte ich nun Mutter und Tochter haben.

Elke und Elena kenne ich aus meinem Karateverein in Friedberg. Ich weiß gar nicht mehr genau, wann Elke zum ersten Mal bei uns im Training war, sie hatte glaube ich noch den grünen Gürtel, inzwischen steht sie kurz vor ihrer Prüfung zum 1. Dan.
Ich verfolge mit Freude die Wettkampfbeteiligungen von Elena und Elke war eine aus unserem Kata-Mixed-Team, das bei der Hessenmeisterschaft startete.

Wer hat angefangen und wann?
Elke: Mein Vater hat angefangen. Er war 40 um die 1985 herum  und meinte seine Töchter ( 8 und 12) müssten da mitgehen. Nach einer Reihe von Eastern – Filmen, die durch die neuen Videorekorder und Videotheken in die kleinen Haushalte Einzug hielten, war  Karate um 1980 in Mode gekommen .  Papa hatte an dem idealistischem Gedanken dieses Sports Gefallen gefunden, bewunderte die Körperbeherrschung und wie heutige Eltern auch, fand er es gut wenn sich seine Mädchen auf der Straße verteidigen könnten.

Ich ging damals in Judo, investierte viel Zeit in den Laufsport und fand es auch gut. Die Karateumstellung passte mir nicht. Das Training in kleinen Orten war geprägt durch kampflustige Männer zwischen 15 und 30, die ihre Energie aus diesen Filmen zogen und mit Ehrgeiz an gleichwertigen Partnern herumfuchteln wollten. Dazu muss ich aber auch sagen, dass diese Männer Karate mit hohem Niveau trainierten, später im Dan-Bereich Karriere machten und keiner Türsteherausbildung nachgingen.

Papa  hörte nach der 3. Sitzung auf weil es ihn frustrierte, dass er nach jahrelangem Marathontraining  (wegen  Vernachlässigung der Dehnübungen) nicht in die Hocke zum Angrüßen kam und ich, weil  ich kein gleichwertiger Filmpartner war.

Das funktioniert heute anders : Es gibt für jedes Alter oder jede Leistungsklasse eine Trainingsstunde die Spaß  macht.  Mein Vater  könnte  auch mit 70 daran arbeiten , wieder in die Hocke zu kommen.

Wann hat Elena mit Karate angefangen?
Elke: Auch ich war daran interessiert, dass sich meine Kinder verteidigen können. Und das meine ich nicht bildlich auf der Straße, sondern damit spreche ich alle Dinge im Leben an, die uns begegnen.

Wo es heißt: Zähne zeigen oder Ruhe bewahren.

Klassische Situation in denen man schnell entscheiden muss: Wie komme ich hier heraus, ohne dass es der Gegner überhaupt erkennen kann. Dazu gehört auch „nein“ zu sagen, wenn einem das Medikament oder das Staubsaugermodell nicht gefällt.

Ich habe Elena genau in die Trainingstunde gebracht, in der ich vor 30 Jahren angefangen habe. Es hat mich gefreut, dass der Filmstar der mir 1985 gegenüberstand zum Trainer geworden ist und hinter sich eine Meute von Kindern hatte, denen das Training gefiel. Elena wollte trotzdem nicht. Der Trainer machte mir den Vorschlag  nach 20 Jahren selber wieder anzufangen. Ich habe nicht lange überlegt. Die ersten Monate trainierte ich zwischen Kindern, dann kam ich nach Friedberg. Um weiterzukommen ging es auch nach Rosbach und Frankfurt, Lehrgänge, denn das Leistungstraining hat in den kleinen Vereinen nachgelassen. Aber das ist auch gut so, es wäre für den einsteigenden Sportler genauso abschreckend wie für meine Familie vor 30 Jahren.

Zwei Jahre habe ich dann im Ort selbst die Kleinsten trainiert und Elena mit ihrem kleineren Bruder  mitgenommen. Da war sie 6 Jahre alt und  Eric 4. Die Beiden haben im Dojo aus den Kampfmatten Hütten gebaut , mit den Protektoren, Stöcken und Boxhandschuhen herumgeblödelt aber mitmachen wollten sie nicht.

Ich weiß nicht was es dann letztendlich war aber der Tag kam, als Elena im Karateanzug mit in der Reihe stand. Ich hatte sie mit zu einem Lehrgang von Schahrzad Mansouri genommen. Diese Frau verkörpert Kampfsport mit weiblicher Eleganz und hat trotzdem Kimme. Das muss sie beeindruckt haben. Seitdem kommt ein Gürtel nach dem anderen und endet gerade im Wettlauf um den Schwarzen mit Mutti. Seit ein paar Tagen ist sie mir mit der Prüfung zum 3. Kyu so nahe gerückt, dass ich erst einmal schlucken musste. Aus Spaß hat sie dafür Hausarrest bekommen, aber natürlich bin ich unendlich stolz, wenn ich sie beobachte. Eric hat ein paar Jahre bei Ju-Jutsu Spaß gefunden, bis zwei gute Trainer den Verein verließen.

Was hat euch besonders fasziniert an diesem Sport? Warum macht er euch Spaß?
Elena: Mama hat das richtig beobachtet. Katas haben mich schon immer fasziniert, um selber anzufangen fehlte nur der richtige Anstoß.  Vielleicht war es sogar Schahrzad?! Der erste Lehrgang gab mir ein Zugehörigkeitsgefühl, ohne dass ich viel konnte und mein Bauchgefühl hat mir gesagt, dass auch ich bei den höheren Katas ankommen kann, wenn ich nur genug übe. Ich fühle mich gut wenn ich jetzt eine Kata selber laufe: Es bringt mir Stärke und ich kann Stärke zeigen. Karate macht mir Spaß, weil man auch seinen Kopf benutzen muss und nicht zuerst die Fäuste.

Elke: Einiges habe ich ja schon erwähnt. Der hohe Nutzungsgrad für den Alltag, Körper- und Geist-Erhaltung, Gleichgewicht wenn man die Melodie der Bewegung erkennt. Ansonsten kann man seinem Rücken und Gelenken mit diesem/jedem Sport auch viel Schaden zufügen.

Ich freue mich darüber, dass Elena und mich über die Pubertätsgrenze hinaus, Karate verbindet. Das gibt es nicht oft – dachte ich. Aber mittlerweile lernt man immer mehr Eltern-Kind –Duos kennen, die einmal damit begonnen haben, dass das Kind im Karateverein angemeldet werden sollte. Vielleicht wird einer von uns mal eine Pause machen, auch für eine längere Zeit  aber immer wieder zurückkehren.

Faszinierend finde ich, wie Karate verbindet. Auf allen Lehrgängen, in jedem kleinsten Training egal in welchem Land, man spricht die gleiche Sprache.
Spaß macht die Bewegungsfreiheit im weitgeschnittenen, unschuldsweißen Anzug. Immer barfuß und ohne Krawatte, Handy oder lange Ohrringe.

Elena:  Wie findest du, dass deine Mutter Karate macht?
Ich finde es schön wie sie es macht. Es sieht sehr ordentlich aus und sie kann super erklären. Nur an ihrer Kraft und an ihrem Kiai kann sie etwas arbeiten.

Elena: Du hast ja im  letzten Jahr sportlich einige Erfolge gehabt? Was hat dich bewogen, an Wettkämpfen teilzunehmen? Welcher Pokal war dir der Wichtigste?
Auch hier war nur der richtige Anstupser durch mein Umfeld nötig. Eine kleine Gruppe Mädels aus dem Montagstraining wollte auch mitmachen. Da konnte ich schon gar nicht mehr nein sagen. Beim Wettkampf habe ich mich über mich selbst gewundert. Das ganze Drumherum hat mich nicht abgelenkt, ich bin bei der Sache geblieben. Als meinen größten Erfolg sehe ich den Pokal in Fulda, für den 1. Platz im Kumite. Ich hatte keine Wettkampferfahrung und bin immer eine Runde weitergekommen.

Elke: Du hast beschlossen, beim Kata Mixed Team in Friedberg mit zu machen und bei der Hessenmeisterschaft anzutreten zusätzlich im Kata Einzel. Was waren deine Beweggründe?
„Wir“ haben das bei einer Bierlaune beschlossen! Aber trotzdem hat so eine Entscheidung ja eine gewisse Ernsthaftigkeit, weil man vorher abschätzen kann, wie viele Trainingsstunden da auf einen zusätzlich zu kommen. Zum Einen war Elena hier schon mit Wettkämpfen vorausgegangen und mir ein Vorbild. Dann gab es den Gedanken dieses Training mit als Vorbereitung zum schwarzen Gürtel zu sehen. Letztendlich wusste ich aber, dass die Zeit mit Trainer und Team eine schöne Zeit wird.

Mein geheimes Hauptanliegen war: In einer angespannten Situation die Nerven zu behalten und das ist mir gelungen. Im Kata-Einzel habe ich gemeldet, um dieser Nervensache noch einen draufzusetzen. Jemand, der schon seit Jahren auf Wettkämpfe geht, lacht vielleicht darüber.

Ihr seid in unterschiedlichen Trainingsgruppen; übt ihr zu Hause auch manchmal zusammen, oder tauscht euch über Techniken aus?
Elena und Elke: Elena trainiert gerne in Butzbach und in Friedberg. Ich bin oft in Friedberg und fahre zum Endspurt auch mal nach Rosbach oder Kelkheim. Es finden sich also genügend gemeinsame Stunden. Für das Butzbacher Dojo haben wir den Schlüssel. Da kommt es schon mal vor, dass wir uns am Wochenende für etwas gemeinsam vorbereiten. Jede wandert in ihre Ecke und arbeitet selbständig am bevorstehenden Programm. Natürlich geht dann der Blick auch mal rüber und korrigiert. Das ist dann aber gut gemeint und man ist froh darüber, weil sich sonst Fehler einschleichen die man selber nicht erkennen kann. Für Partnerübungen ist Elena perfekt; sie haut drauf und man kann sich auf ihre Techniken verlassen. Da ist die Verletzungsgefahr niedriger, als bei zögerlichem Halbkraft. Ich muss Elena recht geben, wenn sie meinen Ausdruck kritisiert. Oft schwebe ich in meiner Bewegungsmelodie, wo ein böses Gesicht angebrachter wäre. Da ist sie für mich ein Vorbild.

Würdet ihr lieber gemeinsam in einer Gruppe trainieren?
Wir trainieren sehr gerne und oft gemeinsam aber jede macht auch ihr Ding um weiterzukommen. Durch Schule, Familie, Beruf kann man nicht immer Rücksicht auf gemeinsame Stunden nehmen.

Dass Elena weiß, was sie mit Karate will und mich dafür nicht braucht, finde ich gut.

Was ist euer Ziel?
Den Bruder und den Opa noch mit ins Boot zu bekommen, nicht wahr Elena?

Welche „Botschaft“ möchtet ihr anderen Karateka mit auf den Weg geben?
Elena: Ich empfehle einfach weiter womit ich gute Erfahrungen gemacht habe. Durch Karate fühle ich mich fit und konnte eine Menge Freundschaften schließen. Was Mama vor ein paar Jahren mit „Selbstverteidigen“ meinte, verstehe ich jetzt. Ich hoffe, dass ich nie in eine unangenehme Lage gerate.

Elke: Karate wirklich als Weg betrachten und sich die nötige Zeit (100 Jahre in diesem Leben) dafür geben. Im Schülerbereich (gelber Gurt bis braun) purzeln die Erfolge noch recht flott. Mit der Danfarbe kehrt Ruhe ein. Nichts geht mehr schnell, man bekommt nichts geschenkt. Belohnung stellt sich erst nach Jahren ein, die ist dafür umso nachhaltiger und echt.

Kopf hoch, Motivationslöcher bei denen nichts geht gibt es auch im Karate. Wenn man Pech hat löst sich die mitgebrachte schlechte Laune selbst unter der Seife in der Dusche nicht auf. Dann hat auch keine Technik geklappt der Trainer hats gemerkt und biegt nach dem 3. Aufmunterungsversuch deinen Age-Uke in den richtigen Winkel. Eine Technik, die man schon seit Jahren halbwegs beherrschen sollte…

..und ich habe auch schon einmal einen falschen Staubsauger gekauft.

Frustrierend und faszinierend zugleich ist, bei Lehrgängen die perfekten Bewegungen der Sportler aus dem Kader zu beobachten. Dort zeigt sich Karate noch einmal von einer anderen Seite: „ Wo einen das Bauchgefühl hintragen kann, wenn man nur genug übt“   …… dass der Weg aber noch ein weiter ist!

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