Kämpfen mit Pratzen macht Spaß! – Karate-Familien (1)

Ansgar_Ole_Karateverein_FriedbergKarate ist ein Familiensport! Ich wollte es erst nicht glauben, aber es ist so. Oft fängt ein Elternteil mit Karate an, wenn sie ihre Kinder ein paar Wochen im Training gesehen haben, oder wie bei mir, da haben die Mädels mit Karate angefangen, weil „die Mama trainiert!“
Hier beginnt eine Serie, in der ich Karate-Familien vorstelle: Was ist ihre Motivation, was die gemeinsamen Treiber für den Sport?

Heute: Ansgar, Ole (und Fips)

Ole hat als sechsjähriger vor ungefähr 1,5 Jahren bei mir am Schnupperkurs im Karateverein Friedberg teilgenommen und ist danach Mitglied im Verein geworden, weil er weiter trainieren wollte. Seinen Vater, Ansgar (40 Jahre) kenne ich seither, weil er Ole meist ins Training brachte. Immer wieder waren wir im Gespräch, ob Karate auch etwas für ihn sein könnte. Es dauerte ein Jahr, bis er an ein paar Probetrainings teilgenommen hat und dann auch Spaß am Karate fand.

Wer von euch hat mit Karate angefangen und warum?
Ansgar: Ole war der Erste in unserer Familie überhaupt, der Kontakt zu diesem Sport hatte. Die bisherigen Interessensverteilungen bei ihm lagen u.a. bei Leichtathletik, Fußball, Schwimmen, Turnen. In der Familie war es ein echtes Novum und ich glaube bis heute ist es den Großeltern nicht vollständig klar, was „das“ (=Karate) eigentlich ist und wie es trainiert wird. Klar ist allerdings, dass er vor familiärem Publikum stolz seine Schläge, Tritte und Katas zeigt. Und stolz sind sie auf ihn allemal.

Wir waren als Übergang vom Kindergarten zur Schule auf der Suche nach einem Sport für ihn, den er in der Gruppe als auch „alleine“ durchführen kann. Kräftezehrend sollte er sein, aber auch was für den Geist bieten. Etwas, was ihn sowohl körperlich aufbaut als auch mental stärkt auf Dauer. Als Kann-Kind ist er nun einmal einer der Kleinsten in seinem Schuljahrgang, da kann ein gewisses Standing nicht schaden. Und dies in jedweder Hinsicht.

Ein Schnuppertraining bei einem Judokurs war wenig begeisterungsauslösend. Als Sandsack von den „Großen“ im Training missbraucht zu werden und dabei ständig am Boden zu liegen war wenig hilfreich. Das Zufallsangebot, einen eigenen Kindereinsteigerkurs zu besuchen, führte dann eben zu Karate. Spätestens nach einem ausführlichen, ehrlichen, offenen und neugierförderlichem Telefonat mit Malu wurde Ole kurzerhand zum Schnupperkurs angemeldet. Motto: schad´ ja erstma nix!

Was hat dich besonders fasziniert an diesem Sport? Warum macht er dir Spaß?
Ole: Die Spiele im Training machen Spaß. Und weil Malu das witzig macht. Und wenn man kämpft macht es Spaß, vor allem mit den Pratzen.

Warum hast du dann ein Jahr später mit Karate angefangen?
Ansgar: Die Antwort ist leider sehr vielschichtig. Dazu muss ich ein wenig ausholen. In meiner Jugendzeit bis etwa Abitur bin ich vereinsmäßig und ernsthaft geschwommen. Viele Stunden meiner Kindheit habe ich wahlweise im Wasser und mit Kraftgeräten verbracht und natürlich auf Wettkämpfen.

Es war fordernd, fördernd und formend gleichermaßen. Allerdings irgendwann einfach zu viel. Deswegen habe ich und auch wegen mehrerer anderer Gründe relativ abrupt aufgehört. Die „Sich-quälen“-Bereitschaft sank gegen Null und blieb für die nächsten Jahre Jahrzehnte auch tendenziell auf diesem Punkt und ständiger Begleiter. Ich wurde unsportlich wie man es nur sein kann. Übergewicht, körperliche Unfitness, weitere Zipperleins folgten unweigerlich über die nächste Zeit. Jetzt sind es ziemlich genau 20 Jahre her. Zwischen Ende einer „Schwimmkarriere“ und Beginn eines neuen Lebens, das auch Sport wieder „zulassen soll“.

Zwischendurch gab es immer mal wieder sportliche Experimente. Fitnessstudio, oder Golf, und irgendwie gab es auch immer Gründe, es nicht weiter zu verfolgen. Zeit, Geld, Familie, Job, Bequemlichkeit, Faulheit. Die verschiedenen Sportanfänge waren leider immer wieder demotivierend und nagten zunehmend mit Selbstzweifeln am Ego. Ob ich es schaffe, jemals wieder einigermaßen ein Wunschgewicht zu erreichen? Ob ich es wirklich schaffe, gesünder zu leben?

Mit nunmehr 40 gibt es häufiger Anlass zur Sorge. Sorge um sich selbst und seiner Gesundheit. Und die Erkenntnis und Reife wächst: das geht so nicht lange gut. Ich brauche einen Sport. Mit Karate erhoffe ich mir, meinen Sport gefunden zu haben. Noch lange bin ich nicht „gefestigt“ dabei. Habe meinen „Frieden“ mit diesem Sport noch nicht gefunden. Zu sehr ist es noch das „Überwinden müssen“, das „sich Aufraffen“, das lange Zeit so gehasste „Quäl Dich Du Sau“. Aber ich hoffe, es geht weiter.

Karate empfinde ich als gelungene Möglichkeit, mich aufzupäppeln. Mich aktiver zu geben. Und das nicht als Kampf gegen eine Uhr. Sondern nur gegen mich selbst. Das Tempo kann ich selbst variieren, die Techniken und das Training vermitteln ein leicht verändertes Körpergefühl. Und das ohne Schnick-Schnack. Ohne Equipmentwahn. Anzug, fertig.

Macht es denn jetzt Spaß, oder was bringt es dir inzwischen?
Ansgar: Spaß macht es manchmal. Ganz oft (leider noch) nicht. Zu unfit bin ich noch. Bei vielen Aufwärmübungen muss ich passen. Viele Techniken mache ich nicht so, wie es sein soll. Spaß macht es aber dann, wenn ich merke, dass ich mitkomme. Dass ich mit der Gruppe lerne und feststelle, dass es doch das Eine oder Andere gibt, bei dem ich mithalten kann. Im Rahmen meiner eigenen Möglichkeiten. Und seltsamerweise verschwende ich kaum einen Gedanken an eine Peinlichkeit. An eine röchelnde, weißgewandete und schweißgebadete Presswurst. Ganz ehrlich: Badehose wäre mir viel unlieber 🙂

Ole habe ich anfangs immer zu seinem Karatetraining begleitet. Habe mir dabei vorgestellt, wie ICH mich in dieser und jener Situation angestellt hätte. Erstaunlich oft habe ich gedacht, dass ich das auch könnte. Die Begleitumstände sind jetzt „richtig“. Ole kann mich motivieren, es macht ihm Spaß, mich zu „trainieren“, mir Hilfestellung zu sein. Es ist in Friedberg, brauche nur wenige Minuten zum Training. Es ist „meine“ ehemalige Schule, also Freundesland. Nur die Uhrzeit stört mich bei meinem Training. Nein, eigentlich stört sie mich nicht, sie macht es mir nur besonders schwer, mich aufzuraffen. Aber sowohl meine Trainer als auch „meine“ Gruppe sind sehr offen, motivierend, unterstützend, geduldig und nachsichtig. So kommt es jedenfalls bei mir an.
Und schlussendlich: Malu hat gesagt, dass ich es (auch) könnte.

Was fasziniert dich an dem Sport?
Ansgar: Faszination für Karate ist für mich einfach die Vielschichtigkeit. Die Tradition, die Geschichte, die Philosophie, das Pragmatische, der Sport, die Kunst dahinter, die Einfachheit, die Ernsthaftigkeit. Körper, Geist, beides ist dabei.
Und mal ganz ehrlich: welcher Jugendlicher kennt nicht die hypnotisch-kreisenden Handbewegungen beim „wax on, wax off“ des (Original!, natürlich) Karate-Kids-Films.

Ole, wie findest du es, dass dein Papa jetzt auch Karate macht?
Gut, Weil ich ihm jetzt was beibringen kann.

Ihr seid ja in unterschiedlichen Trainingsgruppen; übt ihr zu Hause auch manchmal zusammen, oder tauscht euch über Techniken aus?
Ansgar und Ole: Es ist spannend, zusammen die Techniken und die Katas zu trainieren. Und ja, ab und an tauschen wir uns aus.

Würdet ihr lieber gemeinsam in einer Gruppe trainieren?
Ole: Ja!
Ansgar: Nein, eher nicht. Das letzte Jahresabschlusstraining, wo wir erstmals zusammen Übungen gemacht haben, hat gezeigt, dass wir nicht so gut miteinander harmonieren. Zwei Planlose sind einer zuviel. Bei Partnerübungen war eine andere Konstellation besser. Ausserdem ist der körperliche Unterschied zu groß. Das gemeinsame Trainieren machen wir lieber daheim.

Ole: Du hast ein Maskottchen, wie heißt der Bär und wie unterstützt er dich?
Fips heißt der Bär. Und den Karateanzug haben wir nachträglich dazu gekauft. Er passt auf mich auf und soll mir Glück bringen.

Was ist euer Ziel? Wollt ihr gemeinsam den 1. Dan machen oder etwas ähnliches?
Ole: ja, mein Ziel ist, den schwarzen Gürtel zu haben.
Ansgar: Mein größter Wunsch ist es, die Prüfung zum Gelbgurt abzulegen. Nicht, um meinem Sohn zu beweisen, dass sein alter Herr das auch packt. Nicht, wegen des Gürtels und nicht wegen des Sensei oder der Mittrainierenden. Sondern nur wegen mir. Um die 20 Jahre abzulegen. (Siehe Fragen zu meinem Einstieg vorher). Und dann nach vorne zu blicken.
Langfristig? 1. Dan wäre mehr als cool. Aber ich bin realistisch genug, um mir das als Ziel nicht vorzunehmen. Ich bin gerade dabei, den Vogelsberg zu besteigen, Gelbgurt wäre mein Feldberg und alles darüber hinaus Etappenziele zur Zugspitze. 1. Dan? Nicht in diesem Leben.

Meine Ziele sind andere. Fitness, Stärkung, Gesundheit, ein Ausgleichssport, der Spaß macht. – Aber: Frag mich in 10 Jahren nochmal!

Welche „Botschaft“ möchtet ihr anderen Karateka mit auf den Weg geben?
Einen gemeinsamen Sport zu haben, ist immer schön und familienfördernd. Egal was es ist. Karate ist so herrlich „unkompliziert“ in seiner Ausführung. Schuhe aus, Gi an und los geht’s. Keine Materialschlacht, keine Sportgeräte zum Kaufen, Rumschleppen und überall und jederzeit anwendbar.

Es wäre anmaßend von zwei Neulingen, etwas Anderen auf den Weg mitzugeben. Wir sind nur zwei Reisende auf dem Karate-Do.

Wer verfolgen will, wie Ansgar seinen Karate-Weg bewältigt, kann seinen Blog verfolgen.

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