Selbstbehauptung? Wir wissen das ja alles schon!

Tiger_ZeugsSehr selbstbewusst schauten die Mädels mich an und meinten, das wüssten sie schon alles, schließlich sei ein Pädophiler durch die Stadt gegangen und habe Mädchen ihres Alters angesprochen. Sie wüssten sich schon mit Worten zu wehren!

Richtig! Ich hab mal wieder SV-Kurs, diesmal für Mädchen zwischen 14 und 18 Jahren. Ein schwieriges Alter! Aber wem sage ich das? Sie stellten sich sehr selbstbewusst dar: „Wir wissen das ja alles schon!“ „Wenn mir einer doof kommt, tret ich ihm zwischen die Beine!“ Die Haltung dahinter: Mal gucken, ob du uns was beibringen kannst?
An der Stelle war mir klar, ich muss mein Kurskonzept ändern und gleich Techniken trainieren, damit sie merken, was wirklich geht, wenns schnell gehen muss und was nicht.

Schwierig: Techniken mit Hautkontakt

Schnell merkten die jungen Frauen, dass für einen Tritt zwischen die Beine sehr gut und punktgenau gezielt werden muss und das ist nicht immer möglich. Es gibt effektivere Stellen und Techniken, die immer „punkten“. Was nicht heißt, dass der „berühmte“ Tritt nicht angebracht ist, wenn die Bedinungen dafür stimmen. Jedoch stellten sie fest, dass dazu der „andere“ in einer bestimmten Position stehen muss und dicke, lange Wintermäntel immer im Weg sind.
Die Technik, die ich als effektiv vermittle und immer übe, ein kräftiger Schlag mit der offenen Hand ins Gesicht, und die Hand dort lassen und ein bisschen den Kopf verdrehen oder die Finger in die Augen pieksen, überzeugte sie nicht ganz.

„Das ist uns unangenehm zum Üben!“ Ja, nicht nur zum Üben! Aber wie soll man etwas lernen ohne zu üben. Also stellte ich „mein Gesicht“ zur Verfügung. Trotzdem scheuten sie sich. „Da verschmiert ja dein Make Up.“ „Ich tu dir doch weh!“ usw. usw.. Hm? Nach einem intensiven Gespräch war klar, dass sie ein Problem mit dem direkten (Haut-)Kontakt hatten. Dieses zu Überwinden kostete einige Kraft.

Aber nach den Rollentrainings, in denen ich auch mal den „Übeltäter“ spielte, der keinen Lachanfall zwischendurch bekam und seine Rolle ernsthaft durchgehalten hat, ging es schon deutlich besser.

Die Herausforderung in diesem Kurs für mich war, dass ich mich erst als kompetent beweisen musste. Das bin ich ehrlich nicht gewöhnt (meist reicht der Hinweis auf den schwarzen Gürtel und über 20 Jahre Karate-Training *lach*). Weiterhin mussten die Rollentrainings 2-3x angesetzt werden, weil die Mädels sich zu gut kannten und jedes Mal einen Lachanfall bekamen. Als ich eingestiegen bin (was ich sonst nicht mache) wurden die Trainings ernsthafter und in der 2. Hälfte des Kurses konnten sich die Teilnehmerinnen gut mit der Rolle identifizieren und bekamen Spaß daran, ernsthaft in eine andere Rolle zu schlüpfen und sich damit auseinander zu setzen.

Fazit für mich

Jeder Kurs ist eine neue Herausforderung. Und es ist gut, so viel Erfahrung und ein großes Repertoire zu haben. Diesmal war ich mir nicht sicher, den Nerv der Mädels getroffen zu haben. Doch die Rückmeldung des Veranstalters zerstreuten meine Bedenken. Es ist eine Fortsetzung gewünscht und der Termin ist schon verabredet.

Wer hat schon SV-Kurse besucht und welche Erfahrungen habt ihr mit „unanggenehmen“ Techniken gemacht?

Ein Gedanke zu „Selbstbehauptung? Wir wissen das ja alles schon!

  1. Gerade im Bereich Selbstverteidigung tritt die Kluft zwischen Theorie (ich weiß, wo ich hintreten muss) und Praxis (ich tue es im Ernstfall auch) wunderbar zu Tage, finde ich.
    Den anderen, und sei es auch nur der Übungspartner, tatsächlich anzufassen, ihn in meine intimste Zone bewusst hereinzulassen (weil sonst manche Technik nicht funktioniert), das braucht schon Überwindung.
    Ich kenne es aus dem Aikido, wo es eine Reihe von Techniken gibt, die genau das fordern. Und es ist immer wieder spannend zu beobachten, welche Grenzen bei mir und beim anderen auftauchen. „Ich will dir doch nicht wehtun“ ist auch eine davon. Sebstverteidigung ist damit nicht nur reine Technik-Übung 😉 .
    Beste Grüße
    Petra

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