Und plötzlich zückt er ein Messer!

Zetai – Morphsuit – Knife„Verteidige dich so, als ob der Angreifer gleich ein Messer zückt!“

Das war die erste Botschaft dieser Fortbildung, die sich mir sofort als logisch eingeprägt hat. Während meiner Ausbildung zum Selbstverteidigungstrainer wurde mir oft genug vermittelt, dass man meist erst merkt, dass der andere ein Messer hat, wenn es zu spät ist. Oder er greift plötzlich in einer Auseinandersetzung nach einem Gegenstand und benutzt diesen als Waffe. Ich will hier nicht aufzählen, was alles verwendet werden kann, um niemanden auf dumme Gedanken bringen. Aber die Kreativität ist groß, musste ich feststellen.

Standards üben

Der Lehrgang war für mich eine wunderbare Auffrischung und intensive Weiterführung dessen, was ich bisher gelernt habe. Unser Trainer, Wolfgang Henkel, verstand es hervorragend uns klar zu machen, Standardtechniken zur Abwehr und Entwaffnung sind wichtig, aber kein Angriff erfolgt nach Standard.
Beim Üben und gegenseitigen „Rangeln“ sind auch zwischen uns Teilnehmern immer wieder Situationen entstanden in denen wir improvisieren mussten. Das konnten wir aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen ganz gut. Wolfgang hat uns zum Glück „nichts geschenkt“ und wir haben vieles gefühlt 1000 mal trainiert. Aber ohne das geht’s nicht, wir müssen uns unserer Techniken sicher sein, es gibt noch genug Unwägbarkeiten in einer Kampfsituation.

Die Sache mit der Kontrolle

Eine Erfahrung, die ich immer wieder mache, in den Rollentrainings schalten wir sehr schnell um auf „das ist real“. Den Vorwurf, der oft von außen kommt, dass dies nachgestellte Situationen seien, und die Realität anders, kann ich so nicht stehen lassen. Ein gut angeleitetes Rollentraining lässt die „Laborsituation“ oft zu schnell vergessen. Ich hatte eine leise Stimme im Hinterkopf „Kontrolle, Kontrolle, Kontrolle“. Gott sei Dank, ich glaube, sonst hätte ich meinem Übungspartner zum Schluss das Knie durchgetreten.
Im Training werden wir bewusst an unsere Grenzen gebracht, körperlich und mental, weil Angriffe genau in diesen Situationen kommen und am gefährlichsten sind. Wir sind unkonzentriert und da kann auch einem erfahrenen Kampfsportler „die Sicherung durchbrennen“.

Übung macht den Meister

Wie in allen Fällen hilft beharrliches Üben, damit Bewegungsmuster und Techniken so eingeschliffen werden, dass sie automatisiert abgerufen werden können. Ich habe einmal gelernt, dass ein Hirn über 20.000 korrekte Bewegungen braucht, damit diese automatisiert abgerufen werden können. Also üben, üben, üben! Perfekt, wenn es im Laufe der Zeit klappt, dass ich in Übungssituationen als Beobachter selbst neben mir stehe und reflektiere was da passiert. Da ich das als Referentin und Seminarleiterin mein ganzes Berufsleben schon mache, funktioniert dies auch beim Selbstverteidigungstraining, zumindest bisher ohne große Verletzungen.

Botschaften für Kampfsituationen

Ein paar Botschaften möchte ich euch Lesern mit auf den Weg geben, sie funktionieren auch in anderen Bereichen des Lebens:

  • Wenn es hart auf hart kommt, geh davon aus, der andere hat eine Waffe dabei
  • Kalkuliere Verletzungen mit ein, dann bist du nicht überrascht
  • Wende dem Gegner nie deine verletzlichen Seiten / Stellen zu
  • Du hast nur Möglichkeiten, keine Sicherheiten
  • Wenn du lebend herauskommst hast du gewonnen

Fazit

Ich bekam (fast) ein blaues Auge, mehrere Schnittverletzungen an Armen und Beinen, viele blaue Flecken, verrenkte Gelenke, lädierte Ellbogen und Schultern, viele Stichverletzungen in Bauch und Oberschenkel und ich bin mindestens 30 mal gestorben.
Alles in allem: ein gelungener Lehrgang!

5 Gedanken zu „Und plötzlich zückt er ein Messer!

  1. Eigentlich bin ich ja ein friedlicher Mensch, oder versuche es zumindest zu sein. Aber prinzipiell (als gelernter Kampfsanitöter BW Schulterglatze) bin ich ja der Ansicht, dass ich Nahkampf am liebsten mit einem Scharfschützengewehr aus 400m Entfernung oder alternativ mit einer Hellebarde/Naginata ausgerüstet betreiben möchte, wenn ich denn unbedingt muss. (Bei letzterer Spielt sich das Kampfgeschehen ja am anderen Ende einer langen Stange ab.) Nun ist das Leben ja kein Wunschkonzert, aber immer mit einer Naginata rumzurennen dürfte zu Misstrauen bei den Mitmenschen, insbesondere bei den Sicherheitshütern führen. Vom Scharfschützengewehr will ich jetzt lieber schweigen.

    Doch „■Wende dem Gegner nie deine verletzlichen Seiten / Stellen zu“? Ähm, ich bin ja nun geringfügig medizinisch bewandert, und muss dazu jetzt sagen: Es gibt so ziemlich keine Stelle an meinem Körper, die NICHT verletztlich ist. Und blöderweise kommt hinzu: Gerade die Körperteile, die im Zweifelsfall verzichtbar erscheinen, lassen sich wunderbar ausnutzen, um den Gegner außer Gefecht zu setzen (Fingerhebel, Handgelenkhebel, Schlag auf beide Ohren usw.). Des weiteren wird ein trainierter Messerkämpfer immer auf kaum zu schützende Schwachstellen zielen (Schlagadern und Sehnen an Handgelenken / Armen / Beinen / Hals).

    Sicher wendet man seinem Gegner möglichst nicht den Solar Plexus zu, und mir ist auch bewußt, dass es Kampftechniken gibt, mit denen man einen Messer- /Schwert- / Pistolenkämpfer entwaffen kann – Ninjitzu ist ja besonders bekannt für so etwas. Aber ich bezweifel doch ernstlich, solche Tricks untrainiert in einer lebensbedrohlichen Situation hinzubekommen… 😉

    • Sehr geehrter Herr Gedankenknick 🙂

      Deswegen trainier ich ja! Ich fordere keinen Untrainierten auf, das zu testen. Die Botschaft kann aber auch auf verbale Auseinandersetzungen übertragen werden.
      Und mit „verletzlich“ ist nicht gemeint, dass die anderen Stellen „unverletzlich“ sind, deswegen gibt es ja nur „Möglichkeiten“. Im konkreten Fall: bei Abwehr nicht die Arminnenseiten (wie es Karateka gerne machen), sondern die Armaußenseiten verwenden.

      Herzlichst, Ihre
      Basadai

      • Wieder was gelernt. Habe ich doch bisher gedacht, dass die „Abwehrbewegungen“ sich (auch) aus dem Fließen der Bewegung ergeben – und natürlich deshalb (auch) wesentlich für den weiteren Verlauf, insbesondere für die „Vorbereitung“ eines eventuellen Konter spannend sind. Ja, ich gestehe, ich war den Kampfkünsten durchaus mal zugetan; aber ich hatte damals keinen Verein samt Sensei – und heutzutage einfach nicht genug Zeit – und daher ist mein Wissen doch eher theoretisch und sehr von Hollywood und Hong-Kong geprägt… *sich in die Ecke stell und schäm*

        Wobei ich zugebe, an einer kleinen Lektion in Mugai Ryu würde ich gerne mal als „der Trottel mit dem Übungsschwert“ teilnehmen, solange ich anschließend noch alle meine Zähne habe (und keine Baumkängurus auf mich gehetzt werden…) Meine jugendlichen Kenntnisse im halbwegs selbstzerstörungsfreien Umgang mit dem Nunchaku bringen mir ja nichts mehr, seit diese Teile in Deutschland als „verbotene Waffen“ eingestuft sind…

  2. Danke für den Hinweis. Ich höre es mir gerne an. Von Herrn Bongartz hab ich schon einiges gelesen. Er ist klasse und mein Ansatz in der Vermittlung bei meinen Trainings gleicht seinem.

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