20 Jahre Karate: der 2. Dan (6)

2012 heißt für mich auch: 20 Jahre Karate. Deswegen die kleine Rückschau. Zum ersten Teil geht es hier entlang.

Der 2. Dan setzte sich in meinem Kopf fest. Ich sprach meinen Sensei an, wie bei jeder Prüfung, wollte ich sein Okay. Seine Antwort: „Ja, bereite dich mal vor.“ Ich rechnete wieder mit einem knappen Jahr Vorbereitungszeit und fing an diese zu planen.
Erst mal die Prüfungsordnung lesen. Das Kihon (Grundtechniken) bestand aus 6 verschiedenen, mehr oder weniger komplizierten Technik-Kombinationen. Also eher mehr kompliziert! Hier war unermüdliches Training gefragt. Auch, dass der Prüfer mir während der Prüfung selbst 2 Kombinationen abverlangt, sollte kein Problem sein. Aber welche Kata (Kampf gegen mehrere imaginäre Gegner) sollte ich auswählen? Die Prüfungsordnung sieht wie zum 1. Dan eine Wahlkata und eine Pflichtkata vor. Das heißt, aus einer Liste von Katas suche ich mir eine aus. Die muss ich an der Prüfung perfekt beherrschen, schließlich hab ich sie mir ausgewählt. Von dieser Kata muss ich das gesamte Bunkai (praktische Anwendung) zeigen. Das Kumite (Kampf) war das gleiche wie zum 1. Dan: fünf vorgegebene Angriffe, Abwehr und Gegenangriff frei und mindestens 1 Minute Freikampf. Machbar!

Wahlkata – Pflichtkata

Zum 1. Dan war meine Wahlkata die Basadai. Zum 2. Dan ist eine Liste in der Prüfungsordnung und es sollte nicht die sein, die man zum 1. Dan genommen hat. Ich hab im Training alle durchgemacht. Auch noch mal alle zum 1. Dan, denn die können auch dran kommen. Entschieden hab ich mich für die Kata Ji’in („Mitgefühl und Unterstützung“). Die Herausforderung bei den Katas liegt in der „B-Note“, Heißt, Ausdruck, Auftritt, Timing und Umsetzung des Themas müssen die Kata tragen. Ji’in ist kraftvoll und stark, mit schnellen Bewegungen und dann gleich wieder langsame, aber sehr kraftvolle Techniken. Meine Demonstration der Kata muss zeigen, dass ich sie verstanden habe.
Meine Wahl fiel auf Ji’in, weil sie zu meiner Art des Karate passt. Mir liegen eher die kräftigen Techniken, weniger die filigranen und weil sie keine Sprünge hat. Die bekomme ich in meinem Alter nicht mehr so hin, dass sie der Interpretation der Kata angemessen sind.

Bammel hatte ich vor der Pflichtkata. Weil ich die erst eine Sekunde bevor ich sie zeigen muss erfahre. Zur Auswahl stehen 16 verschiedene Katas! Es ist schier unmöglich, alle gleich gut zu können. Ich mag jede Kata, aber es gibt zwei, die werde ich niemals auswendig können. Sie liegen mir einfach nicht. In beiden sind auch Sprünge, die wirklich schwierig sind und die ich nie können werde. Als Alternative gibt es dafür Gleitschritte, die sind aber nicht im natürlichen Fluss des Bewegungsablaufs und das merkt man. Also, einfach alle üben und hoffen, dass diese beiden nicht dran kommen!

Das Kumite

Kumite ist immer unwägbar, selbst bei gleichbleibenden Angriffstechniken ist es mit jedem Partner anders, selbst mit dem gleichen Partner an unterschiedlichen Tagen ist es anders. Was man hier außer Technik-Kombinationen üben muss ist ein gutes Auge für einen freien Weg zum Angriff, eine schnelle Reaktion auf die Angriffe und eine gute Koordination für Abwehr und fast gleichzeitigem Gegenangriff. Intuition zu schulen ist notwendig, um zu merken wie der andere angreifen wird, bevor er angreift – ja, das funktioniert! Man muss dieses Funkeln im Auge des Partners erkennen.

Kontrolle ist oberstes Gebot beim Kumite. Wenn der Partner nicht richtig reagiert, zu langsam ist oder falsch abwehrt, muss ich als Angreifer das spüren und meine Technik in der letzten 1000stel Sekunde soweit abstoppen können, um ihn nicht ernsthaft zu verletzen.

Die Vorbereitung

Diesmal quälte ich mich, das muss mal gesagt werden. Ständig hatte ich mehr oder weniger überraschende gesundheitliche Probleme. Eine Sache ließ mich sogar im Sommer kurz überlegen, ob ich das Vorhaben nicht aufgeben sollte. Meine innere Stimme feuerte mich an, weiter zu machen. Aber bis zum Termin hätte ich auch absagen oder verschieben können. Ärgerlich, aber möglich. Ich ließ mich nicht unterkriegen und trainierte weiter.

Nur wurde ich das Gefühl nicht los, nicht genug zu trainieren. Gefühlt hatte ich zum 1. Dan wesentlich mehr trainiert. Vergessen hab ich dabei, dass diese vor sechs Jahren war und die Trainingszeit dazwischen im gewissen Sinne auch Vorbereitungszeit ist. Man wird älter und dabei erfahrener, überlegter und man weiß, was man kann und was nicht. Und irgendwann heißt es dann: Jetzt ist es soweit!

Die Prüfung

Ich trainierte bereits einige Wochen regelmäßig bei meinem Prüfer, so konnten wir uns gegenseitig kennen lernen. Am Tag der Prüfung selbst war vorher noch ein Dan-Vorbereitungslehrgang. Die 10 Prüflinge mussten natürlich alle teilnehmen. Bis ins letzte Detail wurde noch mal alles durchgegangen, erklärt, warum worauf Wert gelegt wird und was wirklich relevant ist.
Dann war es soweit: sechs Prüflinge zum 1. Dan (noch zwei aus meinem Verein), zwei zum 2. Dan und zwei zum 5. Dan. Der Prüfer fing „hinten“ an. Einer Prüfung zum 5. Dan zuzuschauen ist aufregend. Es war beeindruckend, was gezeigt wurde, einer der beiden war in meinem Alter. Respekt! Da ist noch viel Luft zum 5. Dan stellte ich fest.
Dann war ich mit meinem Partner dran, den ich schon von den vorbereitenden Trainingseinheiten kannte und wir waren beide froh, dass wir im gleichen Alter waren. Was soll ich sagen, es war peinlich, ich patzte einmal in der Grundschule und hatte einen winzigen Fehler in meiner Wahlkata. Meine Erfahrung und Gelassenheit ließen mich selbstbewusst darüber hinweggehen und das ist das Ausschlaggebende: einfach weitermachen, als wäre nichts gewesen!
Und nachdem die Prüfer uns beide zur Pflichtkata „Basadai“ auferlegten, jubelte ich innerlich und mir war klar, jetzt kann nichts mehr schief gehen! Das Kumite machte Spaß und auch wenn mein Partner zwei Treffer gelandet hatte, ich hatte auch ein paar versenkt!

Schön war, dass die Prüfer direkt nach den Prüfungsteilen uns ein detailliertes und faires Feedback gaben. Danach war mir klar, dass ich bestanden hatte.
Aber wenn man dann das neue Dan-Diplom offiziell überreicht bekommt mit Applaus der anderen, bekommt man schon Gänsehaut!

Fazit: 20 Jahre Karate prägen, sie prägen positiv. Ich merke immer wieder, dass mein Kampfgeist privat und im Business auch durch Karate beeinflusst wird. Gelassenheit erwirbt man ebenfalls durch Karate, jeder kommt mal zum Zug. Ich hab gelernt geduldiger zu sein, auch damit kommt man zum Ziel.

Noch was: Nie wieder Dan-Prüfung! So ein Stress 🙂

-ENDE-

4 Gedanken zu „20 Jahre Karate: der 2. Dan (6)

  1. Pingback: 20 Jahre Karate: Auf dem Weg! (5) - Basadai

  2. Respekt. 20 Jahre dabei bleiben ist verdammt lang. Mit Kampfsport hab ich mich nie näher befasst, nur 2 Jahre im Studium Judo gemacht, aber da waren mir die ersten 60min vom Training wichtiger als die letzten 30 min 🙂 Im ersten Teil war allemeines Ausdauer- und Krafttraining, perfekter Ausgleich fürs Studium.
    Viel Spaß weiterhin am Training mit den Kindern. Werden weitere 20 Jahre folgen?

    • Ich werde Karate betreiben, so lange ich mich halbwegs auf den Füßen halten kann. Wir „alten“ Schwarzgurte scherzen manchmal, wenn in 10 Jahren viele Rollatoren vor der Turnhalle stehen, weiß man, dass Dan-Training ist.

      • das sähe sicher lustig aus, mit Rollator Karate, dann gibt es spezielle Schrittfolgen um nicht zu stolpern und ohne viele Handbewegungen 🙂

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