Zwischen Trainerin und Trösterin

Der Spagat zwischen „Chef“ und „Trösterin“

„Malu, der Ben hat mich getreten.“ „Malu, ich hab Bauchschmerzen, kann ich mich hinsetzen?“ „Die Klara hat mir die Zunge rausgestreckt.“ „Malu, ich hab mir den Fuß verknackst und jetzt blutet das!“

Kaum zu glauben, aber auch das ist Karate-Training. Ganz normale Ansagen in einem ganz normalen Training. Mal bin ich Trösterin, mal bin ich „Chef“, also Trainerin, der „Kleinen“ im Karate. Mir macht das großen Spaß, die ca. 6 – 10jährigen Kinder zu trainieren. Sie sind frei heraus mit ihren Äusserungen, manchmal unbarmherzig ehrlich. Wenn ich mal sagen muss, dass ich heute ausnahmsweise keinen doppelten Mae-Tobi-Geri zeigen kann, weil mir das Knie weh tut, schauen sie mich seltsam an und sagen:

„Du hast den schwarzen Gürtel, du kannst das!“ Da fehlt den „Kleinen“ einfach das Verständnis für meine Altersklasse 🙂
Auf der anderen Seite, schauen sie mich genauso seltsam an, wenn ich mal meckere, weil sie bestimmte gymnastische Übungen nicht können und mir dabei herausrutscht: „Hei, das müsst ihr können. Ich kann das auch und bin mindestens 6mal so alt wir ihr.“ Die Nachfrage kommt garantiert: „Wie alt bist du?“ Und wenn ich dann 54 sage, werden die Eltern vorwurfsvoll angeschaut (nein, ich feixe dann nicht *g*).

Die Schwierigkeit bei den „Kleinen“, die ich liebevoll „meine Bonsais“ nenne, ist die Balance zu halten. Die Balance zwischen Verständnis, dass sie grad ein Wehwechen haben, das gepustet werden muss und der Aufforderung, das nicht so ernst zu nehmen und weiter zu trainieren. Je mehr auf Wehwechen geachtet wird, desto wichtiger werden sie oder desto öfter tauchen sie auf. Trotzdem brauchen Kinder im Grundschulalter die Gewissheit, da ist ein Trainer, der nicht „knechtet“ und sie ernst nimmt, wenn es wichtig ist und sie wirklich verletzt sind.

Im Laufe der Zeit habe ich ein gutes Gespür dafür bekommen, wann ich die „Trösterin“ sein muss und wann die „Unbarmherzige“. Ernsthafte Verletzung sind noch nie passiert. Das Schlimmste war ein Kind, das sich vor Schreck auf die Lippe gebissen hat. Da braucht es Trost und auch mal eine „Streicheleinheit“. Und wenn der Paul den Leon extra geboxt hat, sag ich zu ihm: „Ich weiß wie deine Bauchschmerzen verschwinden“, und setz den Paul auf die Bank; er darf dann das restliche Training zugucken. Garantiert sind Leons Bauchschmerzen wie weggeblasen! Leon hat gelernt, dass extra boxen ein Tabu ist und Paul hat gelernt, dass man trotzdem weiter trainieren kann.

Nicht falsch verstehen, richtige Verletzungen, auch wenn man sie nicht sehen kann, werden sofort behandelt. Aber vieles geht – das wissen wir aus eigener Erfahrung – mit ein wenig liebevolle Zuwendung wie von Zauberhand wieder weg. Und wenn man seine „Schüler“ liebt funktioniert das auch mit der Balance!

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