„Vor der Schule rasch noch ein Massaker“

Oder: Ein Lehrer und IT-Fachberater klärt Eltern auf

Eines Vorweg: der Titel ist geklaut! Es war die Überschrift eines Artikels aus der Wetterauer Zeitung vom 17. Februar 2011. Dieser Artikel beschreibt den Vortrag eines IT-Fachberaters und Lehrers, der 600 Eltern darüber aufklärte, was ihre Kinder im Internet so treiben. Auch wenn ich verstehen kann, dass reißerische Überschriften die Leser anziehen, diese lässt vermuten, dass alle Kinder vor der Schule noch schnell ein Ballerspiel spielen, lenkt den Blick eher auf Amokläufer, denn darauf was Kinder im Internet tun.

Der Referent meint, Eltern wissen nicht, welche Webseiten ihre Kinder besuchen und was sie in Sozialen Netzwerken alles von sich und vielleicht auch von der Familie preisgeben. Da hat er sicherlich nicht ganz unrecht – viele Lehrer wissen auch nicht, was ihre Schüler dort tun. Was mich jedoch an solchen Berichten stört ist, dass es die Angst vor dem „bösen“ Internet schürt. Hinter jeder Website verbirgt sich jemand, der mir auflauert und mich überfallen will, wie der „schwarze Mann“ hinterm Busch im Park. Da werden wild durcheinander Studien zitiert und in Beziehung gesetzt, die nichts miteinander zu tun haben. Immer wieder gerne genommen, die Tatsache, dass die US-Armee früher die Tötungsbereitschaft ihrer Soldaten mit virtuellen Trainingsmethoden von 30 auf 75% erhöhte. Es wird nicht erläutert, welche Trainingsmethoden dies waren und wie sie heute trainiert werden, es steht „früher“ war das so.

Ja und deswegen sind alle sozialen Netzwerke böse, alle Kinder schauen Pornoseiten an, ach ich will jetzt gar nicht alles aufzählen, zumindest ist in diesem Artikel zusammengeschrieben (oder zusammengeklaut), was die letzten 5 Jahre eh immer wieder in allen (Publikums-)Magazinen zu lesen war. und als neueste Masche wird uns Lesern sogar Online-Mobbing „verkauft“ – meine Güte, wie lange wird darüber schon diskutiert? Alles reine Schwarzmalerei und ein Rundumschlag!  Meine Kinder (17 und 21 ) haben gelacht, als sie den Artikel überflogen haben.
Die digitale Welt der Kinder wird so beschrieben: „Es geht um Gewaltspiele, sexuelle Praktiken in allen nur erdenklichen Spielarten, um Mobbing, Spielesucht, die völlige Offenlegung der Privatsphäre und um einen  rapiden Leistungsabfall der  Kinder in der Schule.“ Kurz: wieder mal um den Verfall des Abendlandes!

Wenn die Inhalte wirklich so transportiert wurden – ich weiß ja nicht, wie korrekt die Presse geschrieben hat – dann frage ich mich, was die Zielrichtung sein soll. Sollen Eltern ihren Kindern das Internet verbieten, weil sie die Welt nicht mehr verstehen? Soll Eltern Angst vor der virtuellen Welt gemacht werden, die längst real geworden ist? Oder Eltern aufklären, wie man verantwortungsvoll mit dem Medium umgehen kann? Letzteres wäre durchaus sinnvoll  – jedoch: so geht’s nicht. So kann ich diese Veranstaltung nur als eine Variante der Nachmittags-Trash-Talkshows einsortieren, nett anzugucken, aber nicht ernst nehmen!

Begreift endlich: das Internet ist nicht böse, es gehört wie alle sozialen Netzwerke, ob real oder virtuell, längst zu unserem Leben dazu – und zwar zum real-life!

8 Gedanken zu „„Vor der Schule rasch noch ein Massaker“

  1. Also wenn Ballerspiele einen zum Amokläufer machen, sorry, aber dann gäbe es viel mehr. Ich kenn kaum einen und eine, die noch nie sowas gespielt hat…. Wie hieß es bei uns in der Schule immer? Wenn man Ballerspiele verbietet, dann muss man auch Tetris verbieten. Tetrisspieler sind schließlich diejenigen, die Steine von der Brücke werfen…
    Internet ist nicht böse, aber die Lehrer und Eltern sollten mehr darauf achten was die Kinder tun und vorallem kleine/jüngere Kinder/jugendliche öfter mal die Gefahren zeigen.

  2. Was hilft, ist lediglich, hinzugehen auf derartige Veranstaltungen und zu widersprechen. Die Referenten in Diskussionen zu verwickeln, in denen Sie ihr Hintergrundwissen und ihre Intention offenbaren müssen. Allerdings habe ich bei solchen Anlässen auch die Erfahrung gemacht, dass nur ein geringer Anteil der Besucher von Vorträgen den Widerspruch aus den eigenen Reihen schätzt. Man ist ja hingegangen, um sich schlau zu machen, und da kann es doch nicht sein, dass einfach irgendwer aus dem Publikum dem Referenten, der’s ja schließlich wissen muss, widerspricht. Nein, der Vortragende muss am Ende schon recht behalten.

    Nach solchen Veranstaltungen bin ih bereits gebeten worden, beim nächsten Mal doch bitte nicht mehr zu kommen.

  3. @Jens Arne Männig Leider erfuhr ich zu spät von der Veranstaltung, wäre aber wohl auch aus den von dir genannten Gründen gar nicht hingegangen. Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht, eine Diskussion ist erst gar nicht gewünscht, Widerspruch schon gar nicht.

  4. Problematisch wird es da, wo Eltern von Internet und Social Networks keine Ahnung haben. Und das sind gar nicht mal so wenige. Da sind dann die Kinder auf sich selbst gestellt, und wenn aus der Schule nichts kommt, kann das schon ins Auge gehen. Das Internet ist nicht böse, aber man muss schon wissen, was man macht.
    Ich werde oft komisch angesehen, wenn ich sage, ich bin bei FB angemeldet. Nein, höre ich dann, sooo was mache ich nicht.. Naja, spätestens wenn deren Kinder in das Alter kommen, werden sie sich damit beschäftigen müssen (und mich dann wahrscheinlich fragen). Falls es dann überhaupt das Internet noch gibt und nicht durch was noch Gefährlicheres ersetzt ist 😉

  5. @Federkiel Mich stört auch – wie ich es auch in Gesprächen mit anderen Eltern erlebe – eine pauschale Ablehnung. Solche Veranstaltungen, oder eine solche Berichterstattung fördern diese Haltung. Alles was ich nicht kenne macht Angst und wenn nicht Wege aufgezeigt werden, macht es noch mehr Angst.

  6. @delfinstern Ich trau ja Statistiken selten, aber angeblich soll es umgekehrt so sein, dass jeder Amokläufer Ballerspiele gespielt haben soll. (Ausnahme ist wohl die eine Frau letzten Herbst.) Aber man könnte ja auch sagen, jeder, der Brot isst, ist ein Amokläufer, weil sicherlich alle Amokläufer regelmäßig Brot essen…

  7. Soweit ich die Wetterauer Zeitung kenne (über den Amateurfunk-Flohmarkt vor einem Monat wurde ja auch berichtet), sind die schon ziemlich nah am Thema dran. Jedenfalls habe ich in dem herumgeschickten eingescannten Artikel keine gravierenden inhaltlichen Fehler gefunden.

    Bei solchen Veranstaltungen stellt sich natürlich die Frage: wer ist das Publikum?
    Von Online-Mobbing habe ich im letzten Dreivierteljahr vor allem online in der ZEIT gelesen. Davon, diese Zeitung regelmäßig zu kaufen, bin ich aus Zeitgründen wieder abgekommen.
    Ich gebe für mich auch zu, nie eine Tageszeitung gehabt zu haben, weil mir die Zeit zum Lesen fehlte.

    Vielleicht wird das Internet jetzt wegen der Gewaltdarstellung als böse dargestellt. Für mich ist jedenfalls die Zeit, da es als Zeitverschwendung dämonisiert wurde, gefühlt erst gestern gewesen. 😉 Ich glaube auch nicht, daß man sich heute freizügiger während der Arbeitszeit im Internet informieren kann/darf als vor 5-10 Jahren.

    Wenn Schulen zunehmend auf Sozialarbeiter zurückgreifen, die in den Klassen über Online-Mobbing sprechen, dann ist meines Erachtens durchaus eine Notwendigkeit da, die Eltern zu sensibilisieren dafür, daß auch ihrem Kind soetwas passieren kann.
    Ob das betroffene Kind dann die Eltern anspricht, steht natürlich auf einem anderen Blatt, und die Frage, ob der Vortrag, so wie ihn der Artikel beschreibt, nicht zu reißerisch ist (gerade für einen Abendtermin), auf einem anderen. Die Vorschlagsliste am Ende finde ich jedenfalls ziemlich gut.

    Ich schließe nicht aus, daß diese Vorträge Besucher anziehen, die sich in ihrer Meinung bestätigt fühlen wollen. Die Ablehnung von Diskussionsbeiträgen dürfte aber auch ihren Ursprung in der Tatsache haben, daß abends zu einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr die für eine Diskussion nötige Kraft und geistige Flexibilität da ist.

    Ich glaube weiterhin, daß man als Eltern auch in einem gewissen Zugzwang ist. Gerade, wenn das Kind auf einer bestimmten Schule ist, kann es schon sein, daß von den Eltern eine gewisse Einstellung zur Welt erwartet wird, damit sie in den Elterngruppen akzeptiert werden und die Kinder miteinander Zeit verbringen dürfen.

  8. @Hesting Soweit ich die WZ kenne, sind sie genau an diesem Thema nicht dran (ich habe sie abonniert) und ich könnte noch ein paar Beispiele anbringen, würde aber den Rahmen hier sprengen. Mich stört die „Angstmache“, die nicht erst seit gestern grassiert (und nicht nur in der WZ), sondern seit Jahren – und über Online-Mobbing wird auch seit Jahren diskutiert.
    Eltern und Kinder brauchen positive Aufklärung und Beispiele. Durch Angst machen ist noch keiner aufgeklärt worden.

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